Heilige Barbara

Vortrag anlässlich der Einweihung der heiligen Barbara in der Norholzer Kirche

Heilige – was sind die eigentlich?

Wir Evangelischen tun uns sehr schwer mit den Heiligen. Vor allen mit denen, die nicht in der Bibel stehen. Das kommt daher, dass in der Reformation die meisten Heiligen verworfen wurden. Weil sie ein Eigenleben geführt haben. Martin Luther und andere Reformatoren fürchteten nämlich, dass einige Heilige, wie etwa St. Martin oder St. Nikolaus, oder St. Katharina und die heilige Anna mehr verehrt wurden als Gott selbst. Auch Maria, die Mutter Jesu, wurde im späten Mittelalter häufiger angerufen als ihr Sohn, JCHR selbst. Deshalb sah man die Verehrung dieser und vieler hunderter Heiliger mehr sehr kritisch an. Und vielfach wurden ihre Altäre abgebaut, teilweise sogar zerstört. Die Bilder an den Wänden der alten Kirchen wurden übertüncht, manche sogar abgekratzt. Umgangssprachlich heißt diese Bildentfernung „Bildersturm“. Der war hier in Norddeutschland, besonders in Bremen und Umgebung, sehr heftig. Es sind ja  ur noch klägliche Reste dieser Kunstwerke vorhanden.

Bei uns Lutheranern ist eigentlich noch am meisten übrig geblieben. Während in den calvinistischen, heute reformierten Kirchen, kein einziges Bildwerk mehr in den Kirchenräumen überliefert ist.

Luther meinte, die Lebensläufe und Glaubenszeugnisse einiger Heiliger könnte man sich zum Vorbild nehmen. Dann, wenn sie standhaft zu ihrem Glauben standen, bis in den Tod. Deshalb meinte er, einige Namen sollte man in Erinnerung behalten. Weil sie Vorbilder im Glauben wären. Aber beten sollte man nicht zu ihnen. Schließlich seien sie Menschen – und eben nicht Gott, nicht himmlisch. Sie lägen in ihren Gräbern, und sie würden dann – wie wir auch dereinst – am Jüngsten Tag auferstehen. Deshalb bestattete man die Reliquien – das sind die sterblichen Überreste verehrter Heiliger – auf dem Friedhof. Auch eben die Reliquien der heiligen Katharina, wie in Misselwarden, oder die der heiligen Margarethe in Stotel, des heiligen Matthäus in Padingbüttel, des heiligen Georg in Spieka, des h. Pankratius in Midlum, um mal die Nachbarschaften zu benennen. Und es gibt in all den genannten Kirchen keine Heiligenfiguren mehr. Sie sind alle bis 1600 verschwunden.

Und jetzt bekommt diese neue Kirche eine alte Heilige. Warum das denn?

Die heiligen drei Madel – weibliche Spiritualität

Gudrun hat es zum Eingang ja bereits erzählt. Dir fehlte eine weibliche Figur, ein Bild, das die weibliche Seite des Glaubens zeigt. Und damit eben auch neben der Männlichkeit Gottes seine weibliche Seite.

Gott ist kein Mann. Das zeigen uns alte Bilder… alter weißer Mann mit Wallebart. Das ist Gott nicht. Das wäre ziemlich traurig. Solche ein Bild macht Gott klein, erniedrigt Gott, dient zur Stütze des Patriarchats. Da ist Gott vielfach missbraucht worden, auch zur Unterdrückung der Frauen.

Und dabei heißt es doch im Anfang der Bibel: Und Gott schuf am sechsten Schöpfungstag den Menschen, Gott schuf ihn nach seinem Bilde, er schuf den Menschen als Mann und Frau.

Wie denn? Gott ist männlich und weiblich, und divers – und überhaupt kein Geschöpf. Er ist der Schöpfer selbst. In derselben Schöpfungsgeschichte heißt es: Und Gottes Geist schwebte über den Wassern. Das kommt dem schon viel näher: Gott ist eine Geisteswesenheit, nicht greifbar, nur spürbar, wirkmächtig, aber nicht mit starken Muskelpaketen. Gott wird später, im Anfang des Johannesevangeliums als Wort charakterisiert. Das Schöpfungswort erschafft alle Dinge – deshalb sind wir eine Wortreligion – eine Schriftreligion. Und eigentlich brauchen wir keine Darstellungen. Das legt uns auch Jesus nahe. Er sagt einmal. Ich bis das A und das Omega, der Anfang und das Ende. Das A ist der erste Buchstabe im griechischen Alphabet, und O, das Omega, der letzte. Wir müssten es übersetzen: ich bin das A und das Z, das ganze Alphabet. Alles, was Menschen ausdrücken können, in Gedanken, mit Worten und Sätzen – das bin ich, sagt Jesus. Ich bin der I-Punkt, ohne mich, sagt unser Herr, gibt es keinen vollendeten Satz.

Das ist natürlich sehr intellektuell gedacht. Da kamen nicht alle mit. Bilder sind fassbarer. Und so kamen die Heiligen, ihre Legenden, ihre Bilder in die Kirchen.

Bei uns Evangelischen überwog dann wieder das Wort – doch dieses Wort war ein rein männliches. Da fehlte die Hälfte der Menschheit.

Das ging den Frauen auch im Mittelalter so. Aber sie hatten einen Ausweg gefunden: die Verehrung der weiblichen Heiligen. Ganz vorweg, nach Maria natürlich:

Katharina, Barbara und Margarethe.

In Süddeutschland gibt’s einen Merkspruch. Darin werden die Attribute genannt, also die Erkennungszeichen, die den heiligen Jungfrauen meistens beigeordnet werden

Margarethe mit dem Wurm

Barbara mit dem Turm

Katharina mit dem Radel -

Das sind die drei heiligen Madel

Die heilige Margarethe hat den Teufel in Gestalt eines Drachens besiegt und ihn an die Kette gelegt

Barbara hält einen Turm – der hatte drei Fenster nebeneinander, ein Zeichen für den dreieinigen Gott, darin hat sie gelebt

Katharina hält ein Rad, auf dem sie gefoltert wurde.

Alle drei sind Märtyrerinnen – sie wurden wegen ihres Bekenntnisses zu Christus barbarisch gefoltert und grausam getötet. Sie sind Opfer von Männern gewesen, die Femizide begangen haben.

 

Die Barbara-Legende

Barbara heißt übersetzt: die Fremde, die Frau aus dem Barbarenland.

Barbara von Nikomedien war die Tochter eines reichen Griechen. Sie wurde am Ende des 3. Jhdts. geboren. Da die Tochter sehr schön ist, versucht er, seine Tochter vor den Augen anderer Männer zu verbergen

Und richtet ihr in einem Turm eine Wohnung ein. Man könnte auch sagen, dass der Vater sie in dem Turm einsperrt, damit ihr niemand zu nahe kommen kann. Er möchte sie dem Mann zur Frau geben, den er selbst für sie wählt. Aber je mehr er die Tochter bewahren und im Turm seiner eigenen Vorstellungen festhalten möchte, desto mehr entreißt sie sich seinem einengenden Einfluss, desto selbständiger, selbstbewusster wird sie. Sie nimmt Kontakt auf zu einem christlichen Gelehrten, sie schreiben sich und er unterweist sie in Lehrbriefen in den Grundsätzen des christlichen Glaubens. Heute würden wir sagen: sie absolviert ein Fernstudium.

Als der Vater auf Geschäftsreise geht, denkt Barbara in ihrem Turm über Vieles nach. In ihrem Denken ist sie frei. Sie lässt sich nicht länger von ihrem Vater bestimmen. Sie lädt ihren Glaubenslehrer und weitere Gelehrte zum persönlichen Gespräch ein. Gerade das, was der Vater verhindern wollte, geschieht: Sie bekehrt sich zum christlichen Glauben. Als Zeichen dafür lässt sie das Badezimmer, in dem sie getauft wurde und das zwei Fenster besaß, mit noch einem dritten ausstatten. Das war ein Zeichen nach draußen, dass sie den dreifaltigen Gott verehrt. – Hier merken Sie, dass die Barbarageschichte starke legendarische Züge trägt. Aber auch hier liegt der Ursprung der christlichen Taufkapellen.

Das Wesentliche ist: Gott selbst besucht diese junge Frau, er durchbricht Mauern, und er befreit sie aus der Enge des Vaters, und weist Wege aus seiner Gewalt über das Mädchen. Wir können diese Legende als eine feministische Befreiungsgeschichte lesen.

Der Vater kommt heim und er erkennt an den drei Fenstern, dass Barbara Christin geworden ist.

Die romanischen und gotischen Kirchen und Kathedralen besitzen alle diese Dreipassfenster – sie sind gestaltet wie ein Kleeblatt. Das verstand man im Mittelalter sofort als Gottesbekenntnis.

Dioscuros zwingt seine Tochter, dem christlichen Glauben abzuschwören und dem Christus zu entsagen. Sie verweigert eine arrangierte Ehe mit einem Heiden. Da reagiert der Vater jähzornig. Vor die Wahl gestellt, den heidnischen Ehekandidaten zu heiraten oder grausam bestraft zu werden, flieht sie vor dem Vater, der sie mit gezücktem Schwert verfolgt. Auf der Flucht öffnen sich Barbara die Felsen und bergen sie in einer Höhle. Aber ein Schafhirte verrät sie an den Vater, der sie nach Hause zerrt und schwer misshandelt. Als seine Torturen nichts helfen, liefert er sie dem Statthalter aus, der sie wegen Hochverrats zum Tode bestimmen sollte. Martian, der römische Statthalter umschmeichelt zuerst die junge Frau, hofft, sie so gefügig zu machen. Als das nichts hilft, lässt er sie auspeitschen und blutend in den Kerker werfen. Aber die Legende erzählt, dass des Nachts Engel kamen, ihre Wunden wuschen und sie heilten. Darüber entsteht ein Disput zwischen dem Statthalter und Barbara, die standhaft behauptet, dass nicht die heidnischen Götter sie geheilt hätten, nicht Stein und Holz, aus dem deine Götter gefertigt sind, sondern der einzig wahre Gott dieses Heilungswunder vollbracht habe.

Ihr Nein ist ein ganzer Satz. Der ist ohne Wenn und Aber zu akzeptieren.

Das erregt den Zorn des Statthalters erneut und lässt sie wieder schwer misshandeln. Barbara betet:

„Deine Hand, o Herr, verlasse mich nicht. In dir kann ich alles, ohne dich vermag ich nichts.“

Dann verurteilt Martian Barbara zum Tode durch Enthauptung.

Dioskuros, der alle Qualen seiner Tochter mit angesehen hatte, erbat vom Statthalter die zweifelhafte Gnade, die Rolle des Scharfrichters übernehmen zu dürfen. Er treibt seine geschundene Tochter nackt durch die Straßen auf den Hinrichtungshügel und enthauptet sie dort. Auf dem Nachhauseweg wird der brutale Vater vom Blitz erschlagen. Dies alles soll an einem 4. Dezember geschehen sein, vermutlich geschah dies ums Jahr 310.

Deshalb stellen wir frisch geschnittene Kirschzweige am 4. Dezember in eine Vase mit Wasser, als Zeichen der Geißelung der jungen Frau. Die Zweige treiben Blüten zum Christfest als Zeichen des neuen Lebens bei Gott.

Ein schöner Brauch, vor allem, wenn wir dabei die Geschichte erinnern.

Unsere schöne Barbara hält einen Kelch in der Hand. Sie wurde vielfach verehrt als priesterliche Frau, die den Kelch des Abendmahls reicht. Den Kelch des Heils für das ewige Leben. Der bittere Kelch des Leides und Todes wird in ihrer Hand zum Kelch des Heils.

Barbara wurde hauptsächlich als priesterliche Patronin in Sterbensnöten verehrt.

Darin zeigt sich die Kraft der Frauen – die mystische Tiefe ihrer Gläubigkeit.

Was wäre die Kirche ohne die Kraft der Frauen?

 

Röm 8, 31-39

Weder Tod noch Leben können uns scheiden von der Liebe Gottes – das ist die Lesung für den Tag der Heiligen Barbara.

 

> Lesung Röm 8 - Bibel in gerechter Sprache <

 

Die heilige Barbara wird in dieser Kirche nun ein neuer Blickpunkt werden. Ein Blick auf die weibliche Seite Gottes – eine Erinnerung daran, dass Gerechtigkeit in der Kirche, in der Gemeinde nur dann sich entwickeln kann, wenn Männer und Frauen solidarisch, gleichwertig miteinander agieren, beten und glauben können. Nicht mehr die traditionelle Teilung der Aufgaben der Geschlechter. Sondern die bedingungslose, vorurteilslose Teilhabe am Werk des Glaubens und der Gerechtigkeit.

Erst dann kann wahr und kräftig werden das Bekenntnis, das Paulus geschrieben hat:

 

Weder Tod noch Leben

Weder himmlische noch staatliche Mächte

Weder gegenwärtige Zeit noch das, was auf uns zukommt

Weder Gewalten der Höhe noch Gewalten der Tiefe

Noch irgendein anderes Geschöpf können uns von der Liebe Gottes trennen, die im Messias Jesus lebendig ist, dem wir gehören.

 

Das ist die Beschreibung der Kirche Jesu Christi in unserer Welt.

Bereit zu sein, die Wahrheit zu bezeugen, auch wenn es uns Nachteile geben sollte

Bereit zu sein, Unrecht Unrecht zu nennen, auch auf die Gefahr hin, dafür  angespuckt zu werden

 

 

Und für uns Männer:

uns nicht gemein zu machen mit denen, die Frauen herabsetzen, weil sie Frauen sind, weil sie Angst vor der Macht der Frauen haben,

oder Männer meinen, sie könnten über den Körper der Frau bestimmen,

darüber ob eine Frau ein Kind austragen will oder nicht will, oder nicht kann.

Nicht mitzulachen, wo auf Kosten anderer Witze gemacht werden:

Witze über Lesben, über queere Menschen, über Geflüchtete,

nicht die Sprache der Menschenverächter zu sprechen, sondern zu widersprechen.

Denn Feigheit, Unbeherztheit, Lauheit, Einknicken vor angeblich Größeren, Mächtigeren ist nicht Sache eines Christenmenschen.

So wahr Jesus dafür seinen Leib und Leben hingehalten hat,

so wahr die heilige Barbara Opfer männlichen Frauenhasses geworden ist und von Gott deshalb aus der Macht des Todes befreit wurde.

Damit sie – wie die anderen Märtyrerinnen – Zeuginnen der Liebe Gottes als der einzigen legitimen Kraft wurden und darin immer wieder lebendig sind.

 

Sie haben jetzt hier in diesem Gottesdiensthaus, Gebets- und Glaubensraum eine bildliche Erinnerung an diese Gottescourage.

Dafür wünsche ich dieser Gemeinde lebendige Augen.

Amen.